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Text von Pauline Prêtre, Bilder von Henry Schulz

Exaktheit und Feuer

Die brasilianische Pianistin und Sängerin Eliane Elias verbindet die Eleganz eines Bill Evans mit der Glut des Latin Jazz.

Manchmal wird sie mit Diana Krall verglichen, und tatsächlich hat die brasilianische Sängerin, Pianistin und Komponistin einiges mit ihrer kanadischen Kollegin gemeinsam: Beide sind charismatische Musikerpersönlichkeiten, die nicht nur Hardcore-Jazzfans ansprechen, sondern mit ihrer stilistischen Offenheit Grenzen überwinden. Beide kombinieren ihr virtuoses Klavierspiel mit subtilem, sinnlichem Gesang. Zudem führen beide Künstlerehen mit prominenten Partnern: Diana Krall ist seit 2003 mit dem britischen Musiker Elvis Costello verheiratet, Eliane Elias seit 1999 mit Marc Johnson. Der renommierte US-amerikanische Bassist ist festes Mitglied ihrer Band und Koproduzent ihrer Platten. Zuvor war sie mit dem Trompeter Randy Brecker verheiratet; das Album «Amanda» ist der 1984 geborenen gemeinsamen Tochter gewidmet, die sich mittlerweile als Singer-Songwriterin einen Namen gemacht hat.

Virtuos und kultiviert

Geboren wurde Eliane Elias 1960 in São Paolo. Ihre Mutter, dem Jazz zugetane klassische Pianistin, förderte die begabte Tochter früh. Mit sechs Jahren begann sie Klavier zu spielen. Nach dem Besuch des Centro Livre de Aprendizagem Musical in São Paulo leitete sie dort als 15-Jährige schon die Klavierklasse. Sie begann eigene Stücke zu schreiben, trat in Jazzclubs auf und trieb gleichzeitig ihr klassisches Studium voran. Als 21-Jährige ging sie mit zwei Landsleuten, dem Gitarristen Toquinho und dem Sänger- Poeten Vinicius de Moraes, auf Tournee. In Paris bestärkte der Bassist Eddie Gomez sie, ihr Glück in New York zu versuchen. Sie folgte seinem Rat, bildete sich an der Juilliard School of Music weiter und schaffte es, als Pianistin in die Band Steps Ahead aufgenommen zu werden, in der Michael Brecker, Peter Erskine, Mike Mainieri und Eddie Gomez mittaten. Auf die Frage, ob sie dieses prominente Line-up nicht eingeschüchtert habe, sagte sie: «Überhaupt nicht. Ich ruhte in mir selber, die Musik verband uns als gemeinsame Sprache. Ich wusste, dass ich Talent habe, aber ich arbeitete auch sehr hart. Ich gab mich ganz der Musik hin, übte unermüdlich, komponierte, arrangierte. Das alles trug zur Persönlichkeit bei, die ich wurde.»

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1986 begann ihre Zeit als Leaderin verschiedener erfolgreicher Gruppen. Ihr Debütalbum «Illusions» und das Nachfolgeprojekt «Cross Currents» wurden gut aufgenommen; starkes Echo fand auch ihr 1994 veröffentlichtes, mit keinem Geringeren als Herbie Hancock eingespieltes Blue-Note-Album «Solos and Duets». Im gleichen Jahr wirkte Eliane Elias auf dem Album «Double Rainbow: The Music of Antonio Carlos Jobim» des Saxofon-Giganten Joe Henderson mit. Ein eigenes Jobim- Album hatte sie bereits 1989 vorgelegt; dieses ist auch insofern wichtig, als es ihr erstes Auftreten als Sängerin markiert.

Ravel bis Bach, Bob Marley, Santana oder «The Doors» – für die vielseitige Elias ist alles eine Wundertüte.

Seither ist sie immer wieder als originelle Interpretin von Standards in Erscheinung getreten. Ihr virtuoses, kultiviertes Klavierspiel orientiert sich an ihren Vorbildern Bud Powell und Bill Evans, doch sie verleugnet ihre besondere Affinität zum lateinamerikanischen Jazz keineswegs. Sie hat mit Chick Corea zusammengearbeitet, aber auch mit Chucho Valdes. 2016 wurde ihr Album «Made in Brazil» mit dem Grammy für das beste Latin-Jazz-Album ausgezeichnet. Inzwischen besitzt sie schon vier Grammys in verschiedenen Kategorien. Sie hat 32 Alben unter ihrem Namen veröffentlicht und ist in 78 Ländern aufgetreten; ihre Plattenverkäufe werden mit zweieinhalb Millionen beziffert. Im Pop werden Zahlen dieser Grössenordnung öfters erreicht, im Jazz sind sie aussergewöhnlich. Ihre jüngste Produktion, «Time and Again» (2024) zeigt Eliane Elias erneut in bestechender Form – mit lauter Eigenkompositionen, die sie teils auf Englisch, teils auf Portugiesisch singt.

Von Klassik bis Pop

Ihre Vielseitigkeit hat Eliane Elias schon oft bewiesen. Sie hat Trio-Alben eingespielt, die in ihrer Geschlossenheit selbst Puristen begeistern, aber auch mit Grossformationen wie der Danish Radio Big Band unter Leitung des legendären Posaunisten Bob Brookmeyer und mit Sinfonieorchestern zusammengearbeitet. Dass sie ihre klassische Ausbildung nicht vergessen hat, beweisen ihre Aufnahmen von Kompositionen Bachs, Ravels und Villa-Lobos‘. In ihrer Musik fliessen Jazz, Latin, Pop und sogar Rock zusammen. Wer sich ein bisschen umschaut, entdeckt Aufnahmen , auf denen Eliane Elias etwa «Oye Como Va», den Santana-Hit aus der Feder von Tito Puente, «Jammin'» von Bob Marley oder sogar «Light My Fire» von den Doors singt. Eins haben diese Aufnahmen gemeinsam: Die Pianistin und Sängerin gibt sich immer ganz. Halbheiten mag sie gar nicht.

erschienen in der NZZ am Sonntag vom 1. Juni 2025

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