Der erst 22-jährige englische Multiinstrumentalist Jacob Collier verblüfft die Musikwelt mit seinen eingängigen Klangexperimenten und nutzt dabei auch die Elektronik.

Von Hanspeter Künzler
14.6.17

Es gibt kein melancholischeres Lied im Repertoire der Beach Boys als «In My Room». Brian Wilsons junge Bandkollegen tummelten sich sorgenfrei am Strand, er aber schrieb eine Ode an die stille Kammer, wo er die unverstandene Welt vergessen konnte. So erscheint es auf den ersten Blick recht verwunderlich, dass Jacob Collier ausgerechnet diesen Song zum Titelstück seines Debütalbums auserwählt hat. Wer dem jungen Londoner schon je auf einer Bühne begegnet ist, weiss, dass er vor ansteckender Lebens- und Spiellust nur so sprüht. Selbst im Youtube-Video, wo er versucht, eine obskure Ecke in der Harmonielehre zu erklären, kann er vor lauter Begeisterung kaum stillstehen. Und doch: «In My Room» ist das perfekte Lied für Jacob Collier. Denn hier in seinem Zimmer hat alles begonnen. Und hier kommen ihm noch immer die besten Einfälle.

Sammelwut 

Die Musik ist Jacob Collier in die Wiege gelegt worden. Seine Mutter war Geigenlehrerin, unterrichtete an der Royal Academy of Music, aber auch daheim. Noch kaum den Windeln entwachsen, hockte sich der Bub oft dazu und strich selber gern ein paar Töne. Er war vier Jahre alt geworden, da wurde es ihm zu eng in diesem konventionellen Unterricht, und er machte sich auf eigene Faust auf Entdeckungsreise. Zum neunten Geburtstag bekam er Cubase geschenkt, eine Klangwerkstatt für den Computer. Nebenbei brachte er sich Klavier, Bassgeige und Schlagzeug bei. Noch vor dem Stimmbruch hatte er auf den Brettern von mehreren namhaften Opernhäusern gesungen. Inzwischen hatte ihm die stolze Mutter das Musikzimmer ganz überlassen und empfing ihre Schüler stattdessen in der guten Stube. 

Nun konnte sich Jacob Colliers Sammelwut erst recht entfalten. Bald war der Raum ein bunter Zoo für exotische, futuristische und selbstgebaute Instrumente. Mit achtzehn Jahren wagte er sich mit einem Jazz-Klavier-Kurs an der Royal Academy nochmals in die Gefilde der traditionellen Musikschulen. «Aber während der täglichen Pendelfahrten in der U-Bahn lernte ich mehr als an der Hochschule», sagt er heute. Bei jeder Fahrt habe er damals ein neues Album angehört, erinnert er sich. An die 1500 seien es wohl gewesen, ehe er nach zwei Jahren das Handtuch warf: «Alles trank ich in mich hinein. Pop, klassische Musik, Musik aus Afrika und Indien. Je mehr andere Musik man in sich aufnimmt, desto besser ist es für die eigene.»

Den munteren Spielereien im Musikzimmer hat er es zu verdanken, dass sein Manager heute Quincy Jones heisst.

Erfolg durch Youtube 

Als Kind des 21. Jahrhunderts - er ist noch immer keine 23 Jahre alt - hat Jacob Collier nie an Berührungsängsten gegenüber dem Computer gelitten. Ohne jeden Gedanken daran, auf diese Weise eine Karriere zu schüren, begann er seine heimgestrickten Musikvideos auf Youtube zu laden. Das sprach sich herum. Seine beschwingte Choralversion von Stevie Wonders «Isn't She Lovely» mit sechs Jacob-Collier-Stimmen und einem Jacob-Collier-Solo an der Melodica löste besonders viele Klicks aus. Den munteren Spielereien im Musikzimmer hat er es zu verdanken, dass sein Manager heute Quincy Jones heisst. Jones und dessen Kumpel Herbie Hancock waren es denn auch, die Anfang letztes Jahr als Erste das fertig abgemischte Debütalbum zu hören bekamen. Collier sass daneben. Er habe schreckliche Angst gehabt, sei aber auch sehr aufgeregt gewesen, erzählte er im «Guardian»: «Aber nach ein paar Sekunden begannen sich die beiden auf der Couch zu entspannen. Dann schrie Herbie plötzlich: <Mann, was war das nun wieder für ein Teufelsakkord? Zurück, zurück!>. Da war die Angst weg.»

Arrangements, Produktion, Aufnahmen und die meisten Kompositionen - alles hat das Multitalent ganz allein im inzwischen berühmten Zimmer erledigt. Herausgekommen ist ein einziges Feuerwerk von Einfällen. Es grenzt an ein Wunder, dass Collier sie alle unter eine Haube hat bringen können. Von verflixt synkopiertem Jazz über Jamiroquai-artigen Funk bis zu Radiohead, von traditionellem Dulcimer über Akkordeon bis zum choralartigen «In My Room» - alles, was er während seiner U-Bahn-Fahrten je gehört hat, hinterlässt hier seine Spuren. Und: Mit wahrhaft atemberaubender Virtuosität und unglaublich viel Charme lässt Collier dieses Feuerwerk auch auf der Bühne abgehen, ganz wie daheim im nicht so stillen Zimmer.

Fotos von Lionel Flusin.

Konzert