Der 14-jährige Pianist Joey Alexander verleiht dem Jazz neue Impulse. 

Von Hanspeter Künzler
14.6.17

Es ist schon ein bisschen frech, wenn einer seinem Album den Titel einer grossen Komposition von John Coltrane gibt - «Countdown» - und dann zum Einstieg zwei Eigenkompositionen kredenzt. Lange bevor die beiden Stücke zu Ende gehen, wird indes klar, dass Joey Alexander keinen Vergleich zu scheuen braucht, weder als Komponist noch als Pianist. Tatsächlich funkelt seine im Trio vorgetragene Version des Titelstückes nur so von Brio, technischer Finesse und Gefühl für Nuancen. Bei geschlossenen Augen käme kein Mensch auf die Idee, dass hier ein Knirps am Werk sein könnte, der noch viele Jahre warten muss, ehe ihm jemand ein Bier servieren darf, ohne gegen das Gesetz zu verstossen. 

Als Joey Alexander «Countdown» nach seinem eigenen Geschmack neu arrangierte, war er dreizehn Jahre alt. Dabei ist es noch nicht einmal sein Debütalbum. Sein Erstling hiess «My Favorite Things», war kurz nach seinem elften Geburtstag aufgenommen worden und bescherte ihm Grammy-Nominationen in den Kategorien «Bestes instrumentales Jazz-Album» und «Bestes improvisiertes Jazz-Solo» (dies für eine weitere Coltrane-Interpretation, «Giant Steps»).

Bei geschlossenen Augen käme kein Mensch auf die Idee, dass hier ein Knirps am Werk sein könnte, der noch viele Jahre warten muss, ehe ihm jemand ein Bier servieren darf, ohne gegen das Gesetz zu verstossen.

Wäre Joey Alexander zwanzig Jahre früher auf die Welt gekommen, hätten wir vielleicht nie etwas von ihm gehört. Seine Geschichte braucht das Internet. Joey heisst bürgerlich Josiah Alexander Sila und wurde am 25.?Juni 2003 in Denpasar in der indonesischen Provinz Bali geboren. Die Musik gehörte zur Familie: Joey ist der Neffe einer Schlagersängerin und eines Sängers, im Haus lief ständig Musik. Louis Armstrong bildet seine früheste musikalische Erinnerung, bald darauf folgt Thelonious Monk: «Seine Musik verstand ich allerdings nicht sofort.» Als Joey sechs Jahre alt war, kam ein kleines elektrisches Keyboard ins Haus. Inzwischen bereitete auch Monk Joey keine besonderen Probleme mehr: Zum Üben legte er «Blue Monk» auf und klimperte mit. «Seine Verspieltheit sprach zu mir», erklärt er heute. «Ich liebte seine Harmonien. Sein Umgang mit Rhythmus zog mich in die Musik und überhaupt ins Klavier hinein.» Die Eltern erkannten das Talent des Sprösslings und siedelten nach Djakarta über, um dem Sohn Zugang zur lokalen Jazz-Szene zu verschaffen. Mit acht Jahren gab er ein Konzert für den Unesco-Botschafter Herbie Hancock, der sich beeindruckt zeigte. An dem Tag habe er beschlossen, seine Kindheit dem Jazz zu widmen, sagt Joey. Ein Jahr später gewann er den offenen Grand Prix am «Master-Jam Fest» im ukrainischen Odessa. 

Den wahren Durchbruch hat er allerdings dem Umstand zu verdanken, dass Wynton Marsalis im Internet durch die Aufnahmen surfte, die Joey auf Youtube hochgeladen hatte. Mehr noch: In seiner Funktion als künstlerischer Direktor der Jazz-Abteilung am New Yorker Lincoln Center ging er das Risiko ein, ihn im Mai 2014 für einen Auftritt an einer Galaveranstaltung zu verpflichten. Das Konzert erntete begeisterte Kritiken. Dem Rat von Marsalis folgend, zog Joey in Begleitung der Eltern nun nach New York. Marsalis war sein Mentor, und Jason Olaine, Jazz-Programmdirektor im Lincoln Center, sein Produzent, Herbie Hancock zählte zu seinen rührigsten Fans, Wayne Shorter lud ihn ein, an der Seite von ihm und Esperanza Spalding im Weissen Haus vor Präsident Obama aufzutreten. 

Es folgten Tourneen und Konzerte auf der ganzen Welt, unter anderen an den Jazz-Festivals von Newport, Rochester und New Orleans. Alle führten zum gleichen Resultat: Anfängliche Skepsis im Publikum verwandelte sich in bedingungslose Begeisterung. Erstaunlicherweise lässt sich der Knirps mit dem Pilzkopf und der poppigen Brille vom Rummel nicht aus der Fassung bringen. «Meine Musik ist eine Geschenk Gottes und ein Geschenk, mit dem umzugehen ich zuerst lernen musste», erklärt er. «Es verlangt harte Arbeit und Konzentration.» Die Arbeit ist längst noch nicht zu Ende. Es bleibe noch so viel zu entdecken, schwärmt er und zitiert Ahmad Jamal als neueste grosse Inspiration. 

In St. Moritz wird Joey Alexander begleitet vom jungen Bassisten Alexander Claffy und vom Schlagzeuger Willie Jones, der unter vielen anderen mit Herbie Hancock, Milt Jackson, Wynton Marsalis und Sonny Rollins gearbeitet hat. Wir sind gespannt.

Fotos von Carol Friedman.

Konzert